Invasive Neophyten sind fremde Pflanzenarten, die sich stark in neuen Lebensräumen ausbreiten und einheimische Arten verdrängen. Sie können Ökosysteme verändern, die Biodiversität reduzieren und wirtschaftliche Schäden verursachen. Beispiele sind das Drüsige Springkraut oder der Japanische Staudenknöterich.
„Gebietsfremd und unerwünscht? Invasive Arten im Fokus – hr2-Interview vom 22.04.2026“
❓ Wenn Sie eine invasive Pflanze sehen – stehen lassen oder ausreißen?
Es kommt darauf an, ob ich noch etwas bewirken kann.
Bei stark invasiven Arten wie der Robinie, dem Götterbaum oder dem Staudenknöterich, die sich über Wurzelausläufer ausbreiten, kann man als Einzelperson kaum etwas ausrichten. Hier sind oft sehr aufwendige Maßnahmen wie das großflächige Ausbaggern des Bodens erforderlich.
Anders verhält es sich bei Arten wie z.B. dem Kirschlorbeer. Er steht in Deutschland noch nicht auf der Schwarzen Liste, ist aber in vielen anderen Ländern bereits als problematisch eingestuft worden und in der Schweiz, ist sogar seit 2024 der Verkauf verboten. Seine Keimlinge lassen sich noch vergleichsweise gut entfernen. Aus diesem Grund haben wir in unserem Wald eine Anwohnergruppe gegründet, die die Keimlinge entfernt und die Mutterpflanzen regelmäßig zurückschneidet, um so ihre Ausbreitung langfristig einzudämmen.
❓ Was bedeuten invasive Pflanzen für das Ökosystem?
Ökosysteme sind fein abgestimmte Netzwerke, in denen jede Art eine wichtige Rolle spielt. Pflanzen bilden die Basis der Nahrungskette: Sie fangen die Energie der Sonne ein und wandeln sie in Biomasse um – so bringen sie die Energie des Lebens in unsere Welt.
Viele Tiere sind auf heimische Pflanzen spezialisiert. Zum Beispiel ernähren von unseren Eichen über 600 Insektenarten – an der nicht heimischen Robinie nur etwa 80. Der heimische Wacholder ernährt etwa 43 Vogelarten mit seinen Beeren, der eingeführte China-Wacholder hingegen nur eine einzige.
Dort, wo gebietsfremde Pflanzen wuchern, bleibt kein Platz mehr für unsere heimischen Arten – und damit schrumpft die Vielfalt, die unser Ökosystem so ringend braucht. Unsere Insektenbestände sind in den letzten 10 Jahren bereits um 30 % zurückgegangen, und wandernde Schwebfliegen sogar in den letzten 50 Jahren um 97 %. Ohne heimische Pflanzen hungern unsere Insekten – viele sterben schlichtweg aus. So tragen Exoten direkt zum Insektensterben bei.
❓ Wodurch wird eine Pflanze invasiv?
Unsere heimischen Pflanzenarten haben sich über Jahrtausende gemeinsam mit den Tieren entwickelt so entstand ein stabiles Gleichgewicht.
Invasive Arten sind besonders konkurrenzstarke Pflanzen, die häufig aus anderen Kontinenten wie Amerika, Südafrika oder Asien stammen. Sie wurden vom Menschen eingeführt, da sie auf natürlichem Wege nicht in unsere Regionen gelangt wären. Hier aber fehlen ihre natürlichen Gegenspieler, die in ihren ursprünglichen Lebensräumen ihre Ausbreitung begrenzen. Dadurch können sie sich unkontrolliert vermehren und heimische Arten verdrängen.
Ein gutes Beispiel ist unsere heimische Wiesenmargerite, sie ist bei uns harmlos, in Nordamerika allerdings ist sie ein invasiver Neophyt, weil dort ihre Gegenspieler wie z.B. die Margeritenbohrfliege schlichtweg fehlen.
❓ Haben invasive Pflanzen auch Vorteile im Klimawandel?
Manche kommen gut mit Hitze und Trockenheit zurecht – aber auch unsere heimischen Arten sind anpassungsfähig.
Zum Beispiel war es vor 125.000 Jahren in der letzten Warmzeit 5 Grad wärmer als heute. In dieser Zeit überlebten unsere heutigen Baumarten wie Eichen, Linden, Kiefern, Hasel oder Eiben sehr gut. Sie haben gezeigt, dass sie mit den sich ändernden Klimabedingungen zurechtkommen.
Auch der Flaumeichenwald am Kaiserstuhl, einer der wärmsten Regionen Deutschlands zeigt das heimische Baumarten wie Flaumeiche, Traubeneiche, Hainbuche oder der Feldahorn seit über 10.000 Jahren mit wärmeren Bedingungen sehr gut zurechtkommen.
Leider wird viel zu häufig nicht beachtet, dass heimische Pflanzen die Lebensgrundlage für viele Tierarten sind. Viele nichtheimische Arten bieten deutlich weniger Nahrung – und das schwächt das gesamte Ökosystem. Wir sollten daher stets eine heimische Art einer nichtheimischen vorziehen, denn auch sie ist den neuen Klimabedingungen gewachsen.
❓ Wird in Hessen etwas gegen invasive Arten getan?
Ja, es gibt Vorgaben und Initiativen.
Problematisch ist jedoch, dass invasive Arten wie die Robinie oder die Roteiche zum „Baum des Jahres“ gewählt werden – die Robinie 2020, die Roteiche 2025. Daraus entstehen groß angelegte Aktionen, wie zum Beispiel im April 2025 die Pflanzung einer Roteiche im Arboretum Main-Taunus gemeinsam mit Vertretern der Gemeinden, der Forstverwaltung und Grundschülern. Solche Maßnahmen senden ein falsches Signal im Umgang mit invasiven Arten.
Auch im Wald werden heute bei Aufforstungen Roteichen mitgepflanzt – ähnlich wie die Robinie, vermutlich mit vergleichbaren langfristig negativen Folgen, die sich erst in einigen Jahrzehnten zeigen werden.
In unserem Wald gibt es bereits Bereiche, in denen sich die Robinie so stark ausgebreitet hat, dass eine Naturverjüngung heimischer Baumarten kaum noch stattfindet.
❓ Ist das Verbot invasiver Pflanzen, wie in der Schweiz, sinnvoll?
Ja.
Viele invasive Arten stammen ursprünglich aus Gärten, wie z.B. der Staudenknöterich – man spricht hier von sogenannten „Gartenflüchtlingen“. Wenn solche problematischen Pflanzen gar nicht erst verkauft werden, können sie auch nicht über illegal entsorgte Gartenabfälle in die Natur gelangen und sich dort ausbreiten – so wie es bei uns im Wald gerade mit dem Kirschlorbeer passiert.
❓ Sollten Gartenbesitzer auf exotische Pflanzen verzichten?
Wer etwas für die Natur tun möchte, sollte auf heimische Pflanzen setzen. Sie bilden die Lebensgrundlage für unsere Insekten – und machen den Garten lebendiger. Studien zeigen sogar, dass Menschen glücklicher sind, wenn sie mehr Vögel beobachten können. Und die finden wir vor allem dort, wo es genug Nahrung gibt – also viele Insekten oder Hecken mit heimischen Beerensträuchern. So entsteht ganz von selbst ein Garten voller Leben.
Hat man exotische, invasive Pflanzen im Garten, die man behalten möchte, sollte man darauf achten, den Grünschnitt über den Restmüll zu entsorgen, damit sich die Pflanzen nicht unkontrolliert in der Natur ausbreiten.
❓ Sind Pflanzen aus dem Baumarkt problematisch?

Oft leider ja. Viele Pflanzen, die als „insektenfreundlich“ beworben werden, sind gar nicht heimisch und bieten unseren Insekten nur wenig Nutzen. Außerdem sind viele dieser Pflanzen mit bis zu 97 % – mit hochgiftigen Pestiziden belastet.
Deshalb sollte man ganz gezielt nach heimischen Pflanzen fragen. So kann man nicht nur den eigenen Garten ökologisch verbessern, sondern auch das Angebot in Gärtnereien und Baumärkten langfristig beeinflussen, denn die Nachfrage bestimmt nun mal das Angebot.
Bezugsquellen für heimische Wildpflanzen findet man zum Beispiel beim Verband Deutscher Wildsamen- und Wildpflanzenproduzenten kurz VWW genannt oder auf der „grünen Landkarte“ des Bundesprojekts „Tausende Gärten – Tausende Arten“.
Jeder von uns kann etwas tun:
Mit heimischen Wildpflanzen schaffen wir im eigenen Garten oder auf dem Balkon einen wertvollen Lebensraum für unsere bedrohten Insekten. Davon profitieren Vögel, Eidechsen, Igel und viele andere Tiere, die so ausreichend Nahrung finden. Gleichzeitig leisten wir damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt unserer Biodiversität – und steigern ganz nebenbei auch unser eigenes Wohlbefinden.
Jeder m2 zählt