naturnahe Friedhöfe

Naturnahe Friedhöfe – wertvolle Lebensräume für Mensch und Natur

Friedhöfe – insbesondere ältere Anlagen mit gewachsenen Gehölzen, Wiesenflächen und vielfältiger Bepflanzung – können wichtige Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen in Städten sein. Sie gehören vielerorts zu den wertvollen innerstädtischen Lebensräumen und können zu echten Hotspots der Biodiversität werden. Auf vier Modell-Friedhöfen in Baden-Württemberg wurden beispielsweise 53 Rote-Liste-Arten unter den Wildbienen und Tagfaltern nachgewiesen.

Friedhöfe sind damit nicht nur Orte der Erinnerung und des Abschieds, sondern können gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt leisten.

Naturnahe Grabgestaltung statt pflegeintensiver Bepflanzung

Eine naturnahe Bepflanzung mit heimischen Wildpflanzen bietet eine besonders gute Möglichkeit, ökologische und gestalterische Ansprüche miteinander zu verbinden. Heimische Pflanzen sind Bestandteil unserer regionalen Ökosysteme und liefern zahlreichen Insekten Nahrung in Form von Pollen und Nektar. Gleichzeitig schaffen sie Strukturen, die von vielen Tieren als Lebens- und Rückzugsraum genutzt werden.

So kann bereits eine einzelne Grabstätte zu einem kleinen Baustein eines größeren Biotopverbundes werden.

Heimische Wildpflanzen – angepasst an Hitze und Trockenheit

Viele heimische Wildpflanzen sind an die klimatischen Bedingungen unserer Region angepasst und kommen mit sommerlicher Hitze und längeren Trockenperioden gut zurecht. Dadurch kann der zusätzliche Bewässerungsbedarf reduziert werden.

Gerade angesichts zunehmender Trockenperioden und der wachsenden Konkurrenz um die Ressource Wasser ist eine wassersparende Grabgestaltung ökologisch sinnvoll. Gleichzeitig können langfristig Pflege- und Bewässerungsaufwand reduziert werden.

Was unter der Oberfläche passiert

Die ökologische Bedeutung einer artenreichen Bepflanzung endet nicht an der Erdoberfläche. Auch im Boden entsteht ein vielfältiger Lebensraum. Das sogenannte Edaphon umfasst die Gesamtheit der im Boden lebenden Organismen – von Mikroorganismen und Pilzen bis hin zu Regenwürmern und weiteren Bodenlebewesen.

Ein biologisch aktiver, humusreicher Boden kann Wasser besser aufnehmen und speichern und trägt zu einem ausgeglicheneren Wasserhaushalt bei. Gleichzeitig spielt er eine wichtige Rolle im Kohlenstoffkreislauf.

Naturnahe Grabgestaltung verbindet damit Arten- und Biotopschutz mit Boden-, Wasser- und Klimaschutz.

Samenstände sind kein „ungepflegter“ Zustand

Ein wichtiger Bestandteil naturnaher Pflege ist es, Pflanzen ihre Samen ausreifen zu lassen. An den trockenen Stängeln reifen die Samen aus und können anschließend in den Boden gelangen. So entsteht die Grundlage für die nächste Pflanzengeneration und es können sich Pflanzenbestände entwickeln, die besonders gut an den jeweiligen Standort angepasst sind.

Trockene Pflanzenstängel sollten deshalb nicht grundsätzlich als Zeichen mangelnder Pflege betrachtet werden. Was auf den ersten Blick „aufgeräumt“ wirkt, ist ökologisch nicht immer die bessere Lösung.

Auch im Winter sind Pflanzen wertvoll

Trockene Blüten- und Pflanzenstängel bieten zahlreichen Insekten und anderen Kleinlebewesen Überwinterungs- und Rückzugsmöglichkeiten.

Gleichzeitig entwickeln sie einen ganz eigenen ästhetischen Reiz: Wenn sich Raureif auf den trockenen Stängeln niederschlägt und die tief stehende Wintersonne darauf scheint, können faszinierende kleine Winterlandschaften entstehen – mit unzähligen glitzernden Eiskristallen, die die Grabstätte wie ein kleines Winterwunderland erscheinen lassen.

Rasen ist nicht automatisch die ökologischere Lösung

Ein Rasengrab wirkt auf den ersten Blick pflegeleicht und ordentlich. Ein artenarmer Rasen bietet jedoch deutlich weniger Nahrung und Lebensraum für Insekten und andere Bodenorganismen als eine vielfältige Bepflanzung mit heimischen Wildpflanzen.

Auch der Wasserbedarf kann zum Problem werden: Soll Rasen während längerer sommerlicher Trockenperioden grün bleiben, ist häufig zusätzliche Bewässerung erforderlich.

Vor dem Hintergrund zunehmender Hitze und Trockenheit stellt sich daher die Frage, ob Rasengräber und großflächige Rasenflächen auf Friedhöfen langfristig noch die sinnvollste Gestaltung darstellen.

Schottergräber bieten kaum ökologischen Mehrwert

Vollständig oder weitgehend mit Schotter bedeckte Grabflächen bieten Pflanzen, Insekten und Bodenorganismen nur sehr eingeschränkte Lebensbedingungen. Zudem können sich Steinflächen im Sommer stark aufheizen und damit das Mikroklima zusätzlich belasten.

Eine artenreiche Bepflanzung kann dagegen Schatten schaffen, Wasser im Boden halten und durch die Vegetation zur Verbesserung des lokalen Mikroklimas beitragen.

Friedhöfe als Chance für den Naturschutz

Das ökologische Potenzial von Friedhöfen wird besonders deutlich, wenn nicht nur einzelne Grabstätten, sondern die gesamte verfügbare Fläche betrachtet wird.

Gerade in Kleinstädten können Friedhöfe zusammen eine beachtliche Fläche ausmachen. Betrachtet man beispielsweise eine Kleinstadt mit rund 65.000 m² Friedhofsfläche, davon etwa 15.000 m² bestehende Grabflächen und weitere 15.000 m² sonstige bzw. derzeit nicht belegte Flächen, wird das Potenzial deutlich.

30.000 m² entsprechen ungefähr der Fläche von vier Fußballfeldern. Schon wenn ein Teil dieser Flächen naturnah entwickelt wird, können zahlreiche neue Lebensräume entstehen.

Dabei muss nicht jede Fläche sich selbst überlassen werden. Unterschiedliche Bereiche können gezielt gestaltet und gepflegt werden: naturnahe Grabstätten, artenreiche Wiesen, Blühflächen, heimische Gehölze und strukturreiche Randbereiche können gemeinsam ein vielfältiges Mosaik unterschiedlicher Lebensräume bilden.

So können Friedhöfe Teil eines größeren Biotopverbundes werden und Tieren und Pflanzen Verbindungen zwischen Parks, Gärten, Wiesen und anderen Grünflächen bieten.

Praktische Hilfe: Die „Wilde-Pflanzen-Kiste“

Wer eine Grabstätte oder andere Flächen naturnah gestalten möchte, muss nicht selbst aufwendig nach geeigneten Pflanzen suchen. Auf der Webseite finden sich mit der „Wilde-Pflanzen-Kiste“ konkrete und praxisnahe Vorschläge für die Verwendung heimischer Wildpflanzen.

Die Zusammenstellung zeigt, welche heimischen Wildpflanzen sich für unterschiedliche Standorte und Gestaltungen eignen. Zusätzlich stehen Blühmischungen für die Aussaat mit heimischen Wildpflanzen zur Verfügung. Damit können auch größere Flächen wie freie Grabfelder, Randbereiche oder andere geeignete Friedhofsflächen ökologisch aufgewertet werden.

Wichtig ist dabei die Verwendung heimischer und standortgerechter Wildpflanzen. Sie sind an die regionalen Bedingungen angepasst und bieten zahlreichen heimischen Insektenarten Nahrung und Lebensraum.

Naturnahe Friedhöfe können „blühende Friedhöfe“ werden

Das Konzept eines „blühenden Friedhofs“ bedeutet nicht, jede Fläche sich selbst zu überlassen. Entscheidend ist vielmehr eine Pflege, die ökologische und gestalterische Ansprüche miteinander verbindet.

Heimische Wildpflanzen, artenreiche Blühmischungen, extensiv gepflegte Wiesen, strukturreiche Gehölze sowie ein bewusster Umgang mit Laub und abgestorbenen Pflanzenteilen können gemeinsam ein vielfältiges Lebensraummosaik schaffen.

Auch nicht belegte oder wenig genutzte Flächen bieten Möglichkeiten für eine ökologische Aufwertung.

Laub und Pflanzenreste gehören zum natürlichen Kreislauf

Auch Laub sollte nicht grundsätzlich vollständig entfernt werden. Eine dünne Laubschicht kann Pflanzen und Boden schützen, Feuchtigkeit halten und zahlreichen Kleinlebewesen einen Rückzugsraum bieten.

Im Laufe der Zeit wird das Laub durch Bodenorganismen zersetzt und wieder in den natürlichen Stoffkreislauf eingebunden. Überschüssiges Laub kann nach dem Winter entfernt werden, während eine gezielt belassene Menge ihre ökologische Funktion erfüllen kann.

Jeder Quadratmeter zählt

Naturnahe Friedhofsgestaltung muss nicht großflächig beginnen. Jede einzelne Grabstätte kann einen Beitrag leisten. Werden viele solcher Flächen mit naturnahen Grünbereichen verbunden, entsteht ein wertvolles Netzwerk unterschiedlicher Lebensräume.

Friedhöfe können deshalb weit mehr sein als Orte der Erinnerung. Sie können Oasen der Artenvielfalt, Rückzugsräume für Tiere und wichtige grüne Bausteine einer klimaangepassten Stadt sein.

Naturnahe Friedhofsgestaltung bedeutet nicht weniger Pflege – sondern eine andere, ökologischere Form der Pflege.