Heimische Wildpflanzen – Schlüssel zur Biodiversität
Biodiversität bezeichnet die Vielfalt von Pflanzen, Tieren und Lebensräumen – und sie ist entscheidend für das Gleichgewicht unserer Natur. Heimische Wildpflanzen spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie bilden die Grundlage für zahlreiche Tiere, vor allem für Insekten.
Bekannte Arten wie die Wiesenmargerite oder heimische Eichen zeigen, wie wichtig diese Pflanzen für Schmetterlinge, Wildbienen und andere Insekten sind. Der Rückgang vieler Wildpflanzen trägt direkt zum Insektensterben bei und, gefährdet damit die gesamte biologische Vielfalt.
Jede heimische Pflanze zählt: Sie unterstützt Nahrungsketten, stärkt Lebensgemeinschaften und trägt dazu bei, die Natur vor der eigenen Haustür zu erhalten. Der Schutz und die Förderung heimischer Wildpflanzen sind daher ein entscheidender Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität.
Geschichten zur Biodiversität
Die Margerite – Ein kleines, summendes Universum
Unscheinbar, aber voller Leben

Auf den ersten Blick wirkt sie schlicht: die Magerwiesen-Margerite. Weiß mit sonnengelbem Zentrum, freundlich und vertraut. Doch um jede Blüte herum entfaltet sich ein faszinierendes Schauspiel.
Über 130 Insektenarten nutzen sie als Nahrungsquelle. 22 Wildbienenarten besuchen sie regelmäßig – zwei davon fast ausschließlich. Für sie ist die Margerite wie ein leuchtender Stern.
Ein Treffpunkt für Käfer und Wespen

Auch die Purpur-Fruchtwanze und die Halmwespe bedienen sich gern an den Pflanzenteilen der Margerite. Die Larven der Halmwespe brauchen allerdings Süßgräser, weshalb artenreiche Wiesen ihr Zuhause sind.
Selbst der Weißpunktige Schwertlilienrüssler scheut keine Mühe: Er durchquert weite Strecken aus ödem Grünland und eintönigen Maisfeldern, um an der Wiesenmargerite Nahrung zu finden. Das tut er jedoch nur aus der Not heraus – denn seine eigentliche Leibspeise, die Sumpfschwertlilie, die sonst an Gräben wächst, blüht noch nicht oder ist durch falsche Grabenpflege verschwunden. Diese Situation hat dramatische Folgen: Der Fortbestand des kleinen Käfers ist bedroht, da sich seine Nachkommen ausschließlich von Schwertlilien ernähren können.
Eine Pflanze auf Reisen
Um 1800 brachten europäische Siedler die Margerite nach Nordamerika. Dort fand sie weite, ungestörte Landschaften – und keine ihrer natürlichen Gegenspieler.
Die Margeritenbohrfliege, die in Europa ihr Wachstum reguliert, war nicht mitgereist. So konnte sich die Margerite ungehindert ausbreiten und wurde schnell zur invasiven Art.
Lehrstück der Natur
Die Margerite zeigt:
- In Europa lebt sie im Gleichgewicht mit zahlreichen Insektenfreunden.
- In Nordamerika verändert sie die einheimische Flora als Fremde.
Und dennoch bleibt sie überall:
widerstandsfähig, charmant und ein kleines Wunder der Anpassung.
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Die Eiche – Lebensraum, Nahrungsquelle und Zentrum des Waldes
Eichen gehören zu den wichtigsten heimischen Baumarten und bilden die Grundlage für einen großen Teil unseres Lebens. Sie fangen Sonnenenergie ein und wandeln sie in Nahrung um, die anschließend in viele weitere trophische Ebenen weitergegeben wird. Keine andere heimische Baumart beherbergt so viele Tiere wie die Eiche: Rund 560 Insektenarten können an ihr fressen und mehr als 2.000 Arten nutzen sie als Lebensraum. Dadurch fließt besonders viel Energie in das Ökosystem – ein entscheidender Faktor für einen artenreichen, stabilen Lebensraum.
Die Eiche und ihr wichtigster Verbündeter: der Eichelhäher
Der Eichelhäher spielt eine zentrale Rolle für die Verbreitung der Eiche. Schon im August beginnt er, Eicheln zu sammeln und in sogenannten Depots zu verstecken. Diese liegen häufig an Waldrändern und auf Lichtungen. Dort haben junge Eichen später ideale Bedingungen, weil sie nicht in direkter Konkurrenz zum Mutterbaum stehen.
Der Vogel legt sich so einen Wintervorrat an, findet jedoch nicht alle Depots wieder. Aus diesen vergessenen Vorräten wachsen neue Eichen. Über Jahrtausende hat sich zwischen beiden Arten eine Symbiose entwickelt: Die Eiche liefert Nahrung, und der Eichelhäher sorgt für ihre Verbreitung. Dadurch ist er ein „unbewusster Geburtshelfer“ der nächsten Eichen-Generation.
Bewohner der Eiche – vom Käfer bis zur Fledermaus
Der Große Eichenbock (Cerambyx cerdo)

Der Große Eichenbock ist einer der größten Käfer Europas und in Deutschland stark vom Aussterben bedroht. Erwachsene Käfer fliegen vor allem abends alte Eichen an und nehmen dort austretenden Pflanzensaft auf. Die Weibchen legen ihre Eier in Rindenspalten. Die Larven fressen sich über mehrere Jahre vom Bast bis ins Kernholz vor und später wieder zurück. Dabei entstehen typische Fraßgänge, die den Baum zwar schwächen, weil Pflanzensaft austritt, gleichzeitig aber wertvollen Lebensraum und wichtige Strukturen für zahlreiche andere Arten schaffen. Da der Käfer sehr standorttreu ist, leben oft mehrere Generationen in derselben Eiche.
Der Blaue (Dunkelblaue) Laufkäfer (Carabus intricatus)

Dieser auffällige Laufkäfer ist ein tagaktiver Räuber. Er frisst andere Insekten und ihre Larven, nutzt aber auch Pflanzensäfte oder Fallobst. Da er nicht fliegen kann, bleibt er seinem Lebensraum treu und ist auf naturnahe Eichenwälder angewiesen. Unter loser Rinde, Totholz und in den Fraßgängen anderer Käfer findet er ideale Verstecke.
Der Hirschkäfer (Lucanus cervus)

Der Hirschkäfer ist europaweit geschützt und in vielen Regionen selten geworden. Die Larven leben mehrere Jahre – manchmal bis zu acht – im Boden und ernähren sich von verrottendem Eichenholz. Erst im Sommer schlüpfen die fertigen Käfer und fliegen bei warmem Wetter an „blutende“ Eichen, wo sie Nahrung aufnehmen und Partner finden. Die adulten Käfer leben nur wenige Wochen. Auch sie sind auf alte Eichenbestände angewiesen.
Fledermäuse
Fledermäuse nutzen Eichenwälder als Jagdgebiet, weil dort besonders viele Insekten vorkommen. Über heimischen Eichen finden sie deutlich mehr Nahrung als über nicht heimischen Baumarten wie der nordamerikanischen Roteiche. Diese unterstützt wesentlich weniger Insekten – ein klarer Hinweis darauf, wie wichtig heimische Arten für die heimische Tierwelt sind.
Der Boden unter der Eiche – ein eigenes Ökosystem
Nicht nur im Baum selbst herrscht Leben. Auch der Boden unter einer heimischen Eiche ist ein Hotspot der Artenvielfalt. Hier finden sich deutlich mehr Zersetzer, Pilze und Mikroorganismen als unter fremdländischen Baumarten. Besonders Mikropilze, die für den Abbau von organischem Material und die Versorgung der Pflanzen mit Nährstoffen verantwortlich sind, treten unter Eichen etwa 30 % häufiger auf als unter Roteichen. Ohne sie würde der Boden rasch an Fruchtbarkeit verlieren.
Ein Netzwerk der Vielfalt
Die einheimische Eiche zeigt eindrucksvoll, wie eng die Arten im Wald miteinander verknüpft sind.
- Sie bietet Nahrung und Lebensraum für unzählige Tiere.
- Der Eichelhäher sorgt für ihre Verbreitung.
- Käfer wie der Große Eichenbock und der Hirschkäfer nutzen sie für ihre Entwicklung.
- Räuber wie der Blaue Laufkäfer profitieren von der hohen Insektenvielfalt.
- Fledermäuse finden reichlich Nahrung über dem Kronendach.
- Im Boden sorgen Pilze und Kleintiere für Nährstoffe und gesunden Nachwuchs.
So entsteht ein stabiles, artenreiches Waldökosystem – mit der Eiche im Zentrum.